WENN DER MITTELSTAND EIN WEISSBUCH SCHREIBEN WÜRDE ...

Die Wogen der Emotionen bezüglich des vor einigen Jahren vorwiegend von "Grossindustriellen verfassten Weissbuches «Mut zum Aufbruch» sind inzwischen wieder etwas geglättet. Es ist jetzt Zeit, die Diskussion zu versachlichen. Der visionäre, vielleicht zu provokative Charakter des Werkes birgt die Gefahr, dass politisch sensationsträchtige Details zu stark in den Vordergrund gerückt werden. Dabei werden die zentralen, grundsätzlichen Fragestellungen, die letztlich zu dieser Art «Aufschrei» führten, übersehen. Um den aktuellen Grundproblemen näher zu kommen, ist der Blickwinkel des Mittelstandes im allgemeinen und des Gewerbes im speziellen vielleicht etwas geeigneter als jener der Manager von Grosskonzernen. Immerhin arbeiten ca. 90 % (im Kanton St. Gallen 91,3%) der Vollzeit-Arbeitnehmer in Klein- und Mittelbetrieben mit bis zu 500 Arbeitsstellen.

Der Mittelstand, zu dem neben den mittleren Einkommensschichten, die «freien Berufe» (inkl. die Landwirte als Unternehmer) und die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gehören, erfüllt als Rückgrat unserer Gesellschaft wichtige volkswirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Funktionen. Gegen diesen Mittelstand wirken zahlreiche Trends:
Einmal werden die Eigentumsrechte mehr und mehr eingeschränkt. Man hat zwar Eigentum, kann jedoch nicht ungehindert darüber verfügen (Bodenrecht, Baurecht, Mieterschutz, Steuerrecht, Erbschaftsrecht etc.). Im weiteren vermindern nach wie vor zahlreiche Regulierungen sowie langwierige Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren den Spielraum für unternehmerisches Handeln, was die Dynamik der Wirtschaft lähmt - ganz abgesehen von der Zeit, die der Gewerbler mit der Bürokratie verbringen muss. Drittens werden 55 bis 65 % der Preise in der Schweiz nicht am Markt gebildet, sondern sind durch den Staat oder Kartelle administriert (übrigens sind auch die Gewerkschaften, die behaupten, sich so stark für den Mittelstand einzusetzen, Kartelle). Der vierte Trend liegt in der Tatsache, dass der Mittelstand von Vergünstigungen ausgeschlossen ist, die den unteren Einkommensschichten gewährt werden (z.B. Stipendien, Krankenkassenvergünstigungen etc.). Dem steht als weiterer Nachteil die durch den stärksten Progressionsanstieg geprägte Steuerbelastung der mittleren Einkommen gegenüber. Bezogen auf die Selbständigerwerbenden sind die beinahe doppelten Sozialversicherungsbeiträge als weitere Benachteiligung des Mittelstandes zu erwähnen. Ebenfalls ein Erschwernis für den Mittelstand stellt die "zwangsweise" (fast) vollständige Selbstvorsorge für das Alter dar. Verbunden mit dieser Selbstvorsorge wirken als achter Trend die Tücken der Kapitalanlage gegen den Mittelstand. Anlagen in Immobilien sind heute nach den während der letzten zehn Jahre gemachten Erfahrungen nicht mehr so sicher. Der Mittelstand ist auch von diskriminierenden Sondersteuern besonders betroffen, die eigentlich nach finanzwissenschaftlichen Grundsätzen nicht erhoben werden dürften (z.B. Eigenmietwert, Bankkundensteuern, Handänderungssteuer, Liquidationssteuer etc.). Auch das in der Schweiz weit verbreitete Milizsystem belastet den Mittelstand. Das für unsere Gesellschaft äusserst wichtige (z.B. Drogenprävention) Vereinswesen wird vorwiegend vom Mittelstand getragen. Als Folge der anhaltend rezessiven Tendenz in den Neunzigerjahren, kombiniert mit steigender Steuer- und Kostenlast, ist der Lebensstandard gesunken. Der letzte Trend gegen den Mittelstand ist die zunehmende öffentliche Verschuldung sowie der beschleunigte wirtschaftliche Strukturwandel.
Als Therapie gegen diese mittelstandsfeindlichen Trends fordert beispielsweise der Freiburger Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann die Verfolgung einer offensiven Strategie anstelle der traditionell eingesetzten, defensiven Strategien, die vor allem Schutzmassnahmen enthalten - Schutzmassnahmen lähmen die Leistungsfähigkeit. So wären zum Beispiel die Garantie der Eigentumsrechte, der weitere Abbau von Regulierungen, freie Preisbildung, die konsequente Fortsetzung der Reformen im Steuersystem nach marktwirtschaftlichen Kriterien (konsum- nicht leistungsabhängig; Verursacherprinzip) sowie die Abkehr vom eskalierenden Wohlfahrtsstaat zu prüfen und sukzessive anzustreben.
Das heute noch vorwiegend praktizierte "Gieskannenprinzip" im Bereich der sozialen Sicherheit ist teuer und ineffizient. Es sollten nur noch Personen unterstützt werden, die den Staat finanziell wirklich nötig haben. Es ist gefährlich, bei jeder Massnahme in dieser Richtung völlig undifferenziert gleich von Sozialabbau zu sprechen. Nachdem auf nationaler Ebene bereits einige deregulierende Massnahmen eingeleitet sind, ist es jetzt auch an den Kantonen, mitzuziehen und beispielsweise einen schweizerischen Binnenmarkt zu schaffen. Dies bedeutet einen konsequenten Abbau von verbandspolitischen, gewerkschaftlichen und kartellistischen Absprachen.
Diese offensive Strategie ist dringend nötig, wenn man die wichtige Bevölkerungsgruppe "Mittelstand" erhalten will. Zweifellos erscheinen einzelne Massnahmen auf den ersten Blick sozial etwas problematisch. Es ist aber zu bedenken, dass nur ein starker Mittelstand, mithin ein starkes Gewerbe, in der Lage ist, die sozial Schwachen zu stützen und einen Ausgleich zwischen Grosskapital und Armut zu schaffen. Im weiteren ist das heute erreichte Niveau des Wohlfahrtsstaates auf mittlere und längere Frist - ja eigentlich schon heute - finanziell nicht mehr tragbar - und der Mittelstand leistet daran den grössten Beitrag.




Dr. Ralf Eigenmann,
ehemaliger Präsident Gewerbeverein
Abtwil-St. Josefen

 

 
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